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Politik und Religion
up one level
Islam

Gemeinsame Tagung der EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament
und der EVP-Fraktion im Europarat über das Christentum und den Islam
26. - 27. September 2002
Europäisches Parlament, Straßsburg

Glauben in einer Demokratie
Der Einfluss der Religion auf die Zivilgesellschaft


Eindrücke von Paul Staes Generalsekretär, EVP-PACE, Belgien
und
Roberto Giorgis Pater der Dominikaner, Belgien



Am 26. und 27. September 2002 fand zum ersten Mal ein gemeinsames Seminar der EVP-Fraktion im Europarat und der EVP-ED-Fraktion des Europäischen Parlaments zum Thema Christentum und Islam statt. Zu den über 80Teilnehmern gehörten neben Abgeordneten auch Sachverständige für die islamisch-christlichen Beziehungen sowie Vertreter der NRO und der Kirchen. Das Seminar befasste sich mit dem Verhältnis von Islam und Demokratie.

Die Beziehungen zwischen Moslems und Europa seien aus mehreren Gründen kompliziert, stellte Bischof E. Adamakis fest. Zunächst sei durch die geographische Nähe der arabischen Halbinsel der Kontakt zwischen der arabischen und der christlichen Welt entstanden, der sich dann mit der Zeit über das Mittelmeerbecken als Raum des Handels, des Austauschs, der Begegnung und der Eroberung weiterentwickelt habe. Das Mittelmeer und seine Anrainerstaaten hätten vielfache Perspektiven geboten, wenn die Lebensbedingungen im eigenen Land als unbefriedigend oder gar als inakzeptabel empfunden wurden, was durch die Geschichte der Migrationsbewegungen in den vergangenen Jahrhunderten belegt werde.

Dabei handelte es sich jedoch um Migrationsströme, die ähnlich wie Luftströmungen mehr oder weniger zum Ausgangspunkt zurückkehrten. Seit den Sechzigerjahren sei es indessen im Zuge der Entkolonisierung zu einem beträchtlichen Anwachsen der Zuwanderung von Moslems nach Europa gekommen.

Dies würde zu Problemen und starken Spannungen auf beiden Seiten führen.

Professor T. Ramadan führte aus, dass trotz aller Erwartungen die zweite, die dritte oder gar vierte Generation von Moslems in Europa als solche sichtbar bleibe. Dies wecke unter den Europäern Ängste, die Angst vor Veränderungen (ihrer Identität, ihrer Kultur oder gar des europäischen Projekts), und die Angst vor Entwurzelung. Was wir erlebten, sei das Aufeinanderprallen zweier – im Grunde identischer – Ängste: zum einen der Angst um die christliche Identität, die sich verändere oder gar im Verschwinden begriffen sei, und zum anderen die Angst der in Europa lebenden Moslems, die ebenfalls mit unvermeidlichen Veränderungen konfrontiert seien. In dieser Lage bliebe ihnen nur eine einzige Möglichkeit: ihre Identität wieder zu finden und aufzubauen. Wie können die europäischen Institutionen ihnen helfen, wieder zu ihren Wurzeln zurückzufinden?

Nach Meinung der Diskussionsredner handele es sich nicht um einen „clash of civilisation“, wie ihn Samuel H. Huntington beschreibe. Dazu müssten der Islam und das Christentum monolithische Blöcke ohne jede Nuancierung darstellen, doch die Realität sei nicht so einfach. Professor . Borrmans stellte die Frage: „Wenn ein Moslem spricht, in wessen Namen spricht er dann?“ und fügte hinzu: „Kein Moslem kann allein für den gesamten Islam sprechen.“ Dies sei ein weiteres großes Problem.

Sich gegenseitig kennen lernen, dabei anspruchsvoll sich selbst gegenüber zu sein und seine Authentizität zu wahren, wäre eine erster Schritt. Wenn ein Europäer einen Moslem treffe, könne der Eindruck entstehen, dass er ihn und seine Welt nicht kenne, was auch umgekehrt gelte. Abgesehen von Spezialisten für diese Fragen und Wissenschaftlern blieben unsere Welten deutlich getrennt voneinander. Es dürfe nicht vergessen werden, dass unsere Identitäten durch unsere Beziehungen geprägt seien, aber auch durch unsere Kultur, unsere Gründungsmythen, unsere Religionen, durch alles, was dazu beiträgt, unsere Identität und unsere Unterschiedlichkeit als Gruppe und als Individuum zu begründen. Die Europäer müssten den Islam, die verschiedenen Formen des Islam, kennen lernen, die Männer und Frauen, die andere Sitten, Riten und Traditionen als wir haben. Und ebenso müssten sich die Moslems mit unseren Kulturen und unserer jüdisch-christlichen Tradition vertraut machen.

Was uns betreffe, so schließe der Prozess des „Bewusstwerdens“ ein, sich des Unterschiedes zwischen Islam und islamischem Fundamentalismus bewusst zu werden. Die Redner gingen mehrfach auf diese Frage ein. Unsere europäische Geschichte habe uns – nicht ohne Schwierigkeiten, Umwege und Leiden – gelehrt, zwischen Christentum und christlichem Fundamentalismus zu unterscheiden. Trotz oder durch die großen Opfer, welche die Kriege und insbesondere die Religionskriege forderten, seien wir gezwungen gewesen, die Fähigkeit zum Dialog und zur Aussöhnung zu erlernen. Wie lange hat es gedauert, bis wir gelernt hätten, nach dem Wort Gottes aus dem Matthäus-Evangelium zu leben: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, d.h. zwischen Staat und Religion zu unterscheiden. Grenzen zu setzen, bedeute nicht, das eine zum Nachteil des anderen zu bevorzugen, sondern Grenzen zu setzen, helfe vielmehr, seine Identität zu finden und seine Beziehungen zu überdenken. Wir hätten auf diese Weise gelernt, dass Religion und Staat zwei unterschiedlichen Logiken folgten, die jedoch nicht miteinander im Widerspruch stünden, da beide dem Menschen dienten. Die Europäer hätten lange gebraucht, um zu begreifen, dass Glaube und Modernität einander nicht ausschließen, dass die Demokratie nicht der Feind der Religion sei, dass der Grundsatz der Staatsbürgerlichkeit den Grundsatz der Toleranz und des Schutzes der Minderheiten einschließe, ohne in einen anonymen Multikulturalismus zu verfallen, der die Gefahr in sich berge, als Vorwand zum Entstehen von Ghettos genutzt zu werden, anstatt eine wirkliche Integration zu fördern.

Das Rechtssystem, in dem wir leben, ermögliche wirkliche Toleranz und damit den Ausdruck der eigenen Ideen, Überzeugungen und Weltanschauungen. Für die Moslems könne das Leben in Europa, so die Diskussionsteilnehmer – trotz des Leides, das ein Leben in der Fremde mit sich bringe – auch eine Chance bieten, und zwar für sie selbst wie auch für ihre Herkunftsländer. Außerhalb des Vaterlandes als Moslem zu leben, bedeute auch die Möglichkeit und die Notwendigkeit einer persönlichen Glaubensentscheidung, die in Übereinstimmung mit der Realität stehen müsse, in der der Betreffende lebe.

In der Debatte stellte einer der Teilnehmer fest, der Islam sei eine unpolitische Religion. Die Frage, ob dies zutrifft oder nicht, blieb ungeklärt. Nach Meinung anderer Diskussionsteilnehmer werde der Islam in bestimmten moslemischen Ländern für die dortige Politik und die durchgeführten Reformen missbraucht. Es sei offensichtlich, dass bestimmte Politiker den Islam als Machtinstrument benutzten. Dies habe nichts Demokratisches an sich. Wir als Europäer vertrauten auf die Demokratie und den demokratischen Prozess. Demokratie bringe wieder Demokratie hervor. Zahlreiche Moslems, die nach Europa kämen, erlebten zum ersten Mal einen Staat, in dem die individuellen und gemeinschaftlichen Freiheiten geachtet werden. Dies gehe nicht ohne Probleme und Konflikte ab. Es sei auch erforderlich, das Verhältnis beispielsweise zur herrschenden Klasse neu zu erlernen. Wenn es gelinge, diese Migranten an unserem Reichtum teilhaben zu lassen, dann würde das auch ihren Herkunftsländern zugute kommen. Daher hätten die Institutionen eine entscheidende Rolle zu spielen, indem sie in den diplomatischen Beziehungen zu den Ländern, in denen Europäer und insbesondere Christen lebten und oft ausgegrenzt würden sowie unter vielfältigen Diskriminierungen zu leiden hätten, mehr Mut an den Tag legten.

Im Namen der Menschenrechte forderten die Moslems die Anerkennung ihrer Religion und deren Ausübung mit allen Konsequenzen, die dies für das gemeinschaftliche und persönliche Leben eines jeden mit sich bringe. Dies sei nur recht und billig. Allerdings müssten die Institutionen auch konsequent sein und die Änderung bestimmter Aspekte der religiösen Praxis fordern, die im Widerspruch zur Universellen Menschenrechtserklärung von 1948 stehen (z.B. Verbot für moslemische Frauen, einen Nichtmoslem zu heiraten, ohne dass dieser zum Islam übertritt; Verbot für Moslems, einen anderen Glauben anzunehmen). Die Anerkennung erfordere auch eine echte Vertretung durch Männer und Frauen, welche das Vertrauen der Basis genießen. Was in Europa diesbezüglich erreicht wurde, sei – zumindest bisher – völlig ungenügend.

Eine weitere wichtige Frage, die angesprochen wurde, bezieht sich auf die Auswahl und Ausbildung der Imams, denen nicht nur als geistige Führer beim Gebet, sondern auch als Lehrer und religiöser Beistand in Krankenhäusern, Gefängnissen, Kasernen usw. eine wachsende Bedeutung zukommt. Die Institutionen könnten auch hier ihren Einfluss geltend machen, indem sie ein angemessenes Bildungsniveau sowie eine solide Kenntnis der Landessprache, der nationalen und europäischen Geschichte, der christlichen sowie der anderen im Aufnahmeland bestehenden Religionen und des humanistischen Gedankenguts fordern. Dies sei nur möglich, wenn diese Männer und Frauen eine solide Ausbildung in Europa erhalten, damit sie in der Lage seien, die Basis bei einer angemessenen und sinnvollen Integration zu unterstützen. Mehrfach wurde auf die Gefahr verwiesen, dass islamistische Fundamentalisten in unseren Ländern auftreten könnten, die Hass und Zwietracht predigen.

Meiner Meinung nach können wir zufrieden mit dieser ersten Zusammenkunft sein, die es aufgrund des hohen Niveaus der Diskussion und der Kompetenz der Teilnehmer verdient, fortgesetzt zu werden. Es wäre daher schade, wenn dieser gerade begonnene Dialog sich auf eine erste und einzige Veranstaltung beschränken würde.

Jeden Tag zeigen sich neue Erscheinungen im Zusammenhang mit dieser Problematik. So erleben wir z.B. in unseren Ländern und der Welt insgesamt einen ständigen Anstieg der Gewalt. Vielleicht sollten wir ein Seminar durchführen, auf dem wir uns mit diesem Thema befassen und nach Möglichkeiten der Eindämmung dieses Phänomens suchen. Meiner Meinung nach wäre es beim nächsten Seminar angebracht, um die Diskussion effizienter zu gestalten, diese in zwei Teile zu unterteilen: zunächst sollte das Thema aus „philosophischer und intellektueller“ Sicht debattiert werden, um die Probleme genauer zu erfassen und zu verstehen, worauf ein „technischer und praktischer“ Teil folgten würde, bei dem die Analyse dessen, was bereits getan wird, und dessen, was wünschenswert und möglich ist, im Mittelpunkt stehen sollte.



Ich hatte eine nicht erschöpfende Liste von wichtigen Aspekten aufgestellt, von denen nachstehend die Wesentlichen aufgeführt werden:

  • Bemühen um gegenseitige Anerkennung
  • Notwendigkeit der freien Entscheidung in bestimmten Bereichen, in denen sich das religiöse Gefühl äußert
  • Anerkennung der Bedeutung der Menschenrechte in der Grundrechtecharta der EU
  • Anerkennung der Tatsache, dass systematisch die Regionen übergangen werden, in denen die Armut sich in bestimmten Gegenden oder Vierteln konzentriert
  • Errichtung von offiziell anerkannten Gremien zur Führung des Dialogs zwischen den Vertretern der verschiedenen Religionen
  • Bekämpfung des Terrorismus durch die Schaffung einer demokratischen und solidarischen Justiz, die sich bewusst ist, dass Armut Unwissen hervorbringt und umgekehrt sowie dass die Probleme im Zusammenhang mit diesem Teufelskreis ein immer größeres Ausmaß annehmen.






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