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Politik und Religion
up one level
Islam

Gemeinsame Tagung der EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament
und der EVP-Fraktion im Europarat über das Christentum und den Islam
26. - 27. September 2002
Europäisches Parlament, Straßsburg

Glauben in einer Demokratie
Der Einfluss der Religion auf die Zivilgesellschaft


Eine persönliche Würdigung von Paola Buonadonna
vom BBC World Service, TV, London


Auch ohne das schreckliche Signal des 11. Septembers wäre es ausgesprochen wünschenswert, über die durch die islamische Welt an den christlichen Westen gestellten Herausforderungen nachzudenken.

Gegenwärtig leben in den EU-Ländern mehr als 12 Millionen Menschen muslimischen Glaubens (und man geht davon aus, dass - sollten sich die jetzigen demografischen Entwicklungen und Einwanderungsmuster nicht ändern - ihre Zahl weiterhin stark ansteigen wird), und die Fragen einer kulturellen Integration, rassistischer Diskriminierung, des religiösen Fanatismus und eines demokratischen Dialoges beschäftigen bereits unsere Regierungen und die Zivilgesellschaft.

Es ergab sich, dass dieses gemeinsam von den EVP-Fraktionen des Europäischen Parlamentes und des Europarates veranstaltete Seminar nach einem schwierigen, zwei Jahre währenden Entstehungsprozess kurz nach dem ersten Jahrestag der Angriffe vom 11. September und unmittelbar vor einem möglichen neuen Zusammenschluss westlicher Streitkräfte für einen Schlag gegen den Irak zustande kam.

Viele der Redner haben auf das 1996 erschienene Buch Clash of Civilisations (Kampf der Kulturen) von Samuel P. Huntington verwiesen, und die Debatte verlief die meiste Zeit im Schatten der von diesem Buch aufgeworfenen Fragen. Haben Kultur bzw. Religion Ideologie und Ökonomie als Hauptursachen für Konflikte in der Welt ersetzt? Unterscheiden sich die christlichen und islamischen Religionen und kulturellen Traditionen wirklich so stark voneinander? Wenn ja, führt dieser Unterschied unweigerlich zu politischer Gewalt? Was lässt sich tun, um Integration zu fördern und einen solchen Zusammenprall der Werte zu vermeiden?

Führt das Christentum, wie einige Teilnehmer feststellten, tatsächlich zu keinerlei Problemen, wenn es um Toleranz gegenüber innerem und äußerem Dissens geht? Und sollten wir nicht einer öffentlichen Politik mit Vorsicht begegnen, die direkt von religiösen statt von humanistischen Werten gleich welchen Ursprungs inspiriert wird?

Das Seminar sollte auch Ideen zu der Art und Weise nachgehen, auf die Institutionen wie die EU und der Europarat ihr finanziellen Mittel, ihr politisches Ansehen und ihre politische Sachkenntnis nutzen könnten, um hier praktische Lösungen anzubieten.

Wie Sie in den gesondert aufgeführten Schlussfolgerungen des gemeinsamen Vorsitzes nachlesen können, stellten die Teilnehmer tatsächlich fest, dass die oben erwähnten Institutionen uns ein wertvolles Modell für eine Kooperation und eine Förderung der Menschenrechte an die Hand geben. Dort fand sich auch die Forderung, dass bei der Gestaltung politischer Maßnahmen auf dem Gebiet der Menschenrechte die religiöse Dimension zu berücksichtigen ist, und an die EU bzw. den Europarat wurde die dringende Bitte gerichtet, sich bei allen internen und externen politischen Maßnahmen der Auswirkungen bewusst zu sein, die diese auf die Frage des Islam haben.

Wie ich glaube, ist das Seminar hinsichtlich der Einblicke, die die einzelnen Redner in die islamische Welt und unsere Beziehung zu ihr boten, besonders faszinierend gewesen, und in meiner persönlichen Stellungnahme möchte ich mich auch auf dieses Thema konzentrieren.

Ein immer wieder (und am überzeugendsten vom Mitglied des Europäischen Parlaments Bashir Khanbai) im Zusammenhang mit einer Analyse von Beispielen für Terrorismus oder Völkermord angesprochener Punkt war das Bedürfnis nach einer klaren Unterscheidung zwischen Religion und Politik. Sprecher sowohl der christlichen als auch der islamischen Traditionen betonten, dass der islamische Glaube von seinen Schriften her nichts an sich Intolerantes und Unterdrückendes enthält, und führten aus, wie der Islam in der Geschichte einen den Fortschritt der Kultur und der Zivilisation förderlichen Einfluss auf die Welt ausgeübt habe, ohne dabei Silvio Berlusconi nahe treten zu wollen.

Allerdings kommt es auch zu Verzerrungen. (Die meisten Sprecher stellten fest, dass in praktisch allen moslemischen Ländern das Fehlen von Demokratie ein wirkliches Problem darstellt.) Das liegt daran, dass eine einzige, besondere und überall gültige Autorität bei der Interpretation religiöser Texte und eine etablierte klerikale Hierarchie fehlen. Das sich daraus ergebende Aufblühen vieler und sich häufig widersprechender Auslegungen des Islam, die durch voneinander getrennte und sich häufig feindselig gegenüberstehende politische Sekten verteidigt werden, führt zu der gegenwärtigen Verwirrung im Hinblick auf das wahre Gesicht des Islam und zum Wiederaufleben von Gewalt.

Warum erweist es sich jedoch, dass die moslemischen Massen so leicht durch skrupellose, selbst ernannte Führer dazu zu bewegen sind, ihren Glauben der Gewalt zu unterwerfen, was zu den „Fatwas“ und „Jihads“ führt, mit denen der Westen traurigerweise Bekanntschaft machte?

Die von unseren Diskussionsteilnehmern gegebenen Antworten waren trügerisch einfach. Armut und Unwissenheit (die meisten islamischen Länder gehören zur Dritten Welt und haben lange Zeiten der Kolonialisierung erdulden müssen) erlauben es einer Vielzahl diktatorischer Regime, Religion als Aufruf zu einer Mobilmachung gegen den Westen zu verwenden. Wenn darüber hinaus jegliche freie Meinungsäußerung unterbunden wird und Informationen einer strengen Kontrolle unterliegen, können leidenschaftliche Gefühle nur in religiösem Empfinden kanalisiert werden und brechen schließlich auf zerstörerische Weise hervor.

Wie lassen sich jedoch dann die Fälle von Fanatismus in moslemischen Gemeinschaften erklären, die im Westen angesiedelt sind und in relativem Reichtum und vollständiger Demokratie leben?

Unser Umgang mit Einwanderung und der "interne" Kampf zwischen Integration und kultureller Identität liegen dem hier behandelten Problem zugrunde. Einwandererinnen und Einwanderer machen in den meisten Gastgesellschaften immer noch in nicht akzeptablem Ausmaß leidvolle Erfahrungen mit Intoleranz und Marginalisierung. (Großbritannien wurde zwar als Beispiel für eine gute Praxis hervorgehoben, aber auch dort kommt es mit alarmierender Regelmäßigkeit zu rassistisch bzw. religiös motivierten Unruhen und zu fremdenfeindlicher Gewalt.) Das kann bewirken, dass sich diese Menschen an die Religion (in ihrer kriegerischsten Auslegung) klammern, die ihnen Identität, Würde und einen Plan für „politisches“ Handeln gibt.

Bischof Emmanuel Adamakis gab mit seiner Feststellung, dass Verständnis auf Gegenseitigkeit beruhen muss und in der Verantwortung sowohl der Gemeinschaft der Einwanderer als auch der der Gastgeber liegt, den Anstoß zu diesem Teil der Debatte. Er fügte hinzu, dass Integration auf der einen Seite Anpassung an europäische Werte und nicht sklavischen Konformismus bedeuten sollte, dass den Gemeinschaften der Einwanderer aber trotzdem abzuverlangen sei, sich ihren Gastländern gegenüber loyal zu verhalten.

An dieser Stelle lohnt es sich festzuhalten, dass viele der (christlichen) Teilnehmer ihre Besorgnis über den Verfall der moralischen Wertvorstellungen innerhalb unserer westlichen Gesellschaften zum Ausdruck brachten. Zügelloser Materialismus, Gier und Gleichgültigkeit gegenüber Verantwortung - mit den dazugehörigen Folgeerscheinungen wie auseinander gebrochenen Familien, Jugendkriminalität und Drogensucht - werden von traditionellen Moslems aus durchaus vernünftigen Gründen geschmäht. Sie stellen auch bestimmt kein attraktives Paket dar, wenn es darum geht, die Überlegenheit westlicher Werte unter Beweis zu stellen.

Aber kommen wir wieder zur Integrationsdebatte. Einer der anregendsten Beiträge hierzu stammte von Professor Tariq Ramadan. Er betonte die Wichtigkeit, innerhalb moslemischer Gemeinschaften das Empfinden dafür zu verstärken, Staatsbürger zu sein. Indem diese Menschen mehr an der Gastgesellschaft beteiligt werden und weniger deren Verachtung zu spüren bekommen, gewinnen sie ein Gefühl für die eigene Identität und den eigenen Wert, während sie gleichzeitig den Islam als ihren moralischen Kompass beibehalten.

Moslems sollten dazu ermutigt werden, von der europäischen Kultur alles das anzunehmen, was nicht in direktem Widerspruch zu den Grundsätzen des islamischen Glaubens steht. Erfreulich dabei ist, dass ihnen in westlichen Gesellschaften nichts aufgezwungen werden kann, das ihnen moralisch widerstrebt. Anders ausgedrückt: Moslems sollten davon überzeugt werden, dass sie mit Gesetzen leben können, die das Trinken von Alkohol erlauben, solange die gleichen Gesetze sie nicht dazu zwingen, Alkohol zu konsumieren. Eine „staatsbürgerliche Ethik“ hat den Vorteil, jeden zu einem Angehörigen der Mehrheit zu machen. Auf diese Weise wird das innere Gefühl, sich im Belagerungszustand zu befinden, abgebaut, das für Gemeinschaften charakteristisch ist, die es gewohnt sind, sich als „Minderheiten“ zu definieren. Teil der Mehrheit zu sein, bedeutet, am Wohlergehen der Gesellschaft interessiert zu sein, und meint daher eher die Befreiung von Verantwortlichkeiten als lediglich die Verteidigung von Rechten und Traditionen.

Prof. Ramadan räumte ein, dass sich diese Haltung nur allmählich durchsetzen wird und mit dem Aufkommen einer gebildeten, wohlhabenden intellektuellen Elite der zweiten oder dritten Generation einhergeht, während in vielen moslemischen Gemeinschaften in Europa gegenwärtig immer noch die Tendenz vorherrsche, sich auf das Gefühl zurückzuziehen, Opfer zu sein, was Identität gebe und mit Stolz erfülle.

Westliche Regierungen sollten in der Zwischenzeit ein stichhaltiges Programm zur staatsbürgerlichen Bildung einrichten (von dem ehrlich gesagt junge Menschen jeglichen Hintergrunds profitieren könnten!) und den Dialog sowie Partnerschaften zwischen den Gemeinschaften fördern.

Im weiteren Verlauf des Seminars kehrten wir immer wieder zum ursprünglichen Thema Islam und Demokratie zurück und zur Frage, ob beides auf irgendeiner inneren Ebene miteinander auf eine Weise unvereinbar ist, die sich durch kein Ausmaß an Partnerschaft und gemeinsamer Initiativen auflösen lässt.

Herausragende Redner wie Professor Maurice Borrmans und Arie Oostlander, MdEP, wiesen mit Nachdruck darauf hin, dass sich Toleranz und Menschenrechte nur schwer mit dem Koran in Einklang bringen lassen und boten dafür eine Vielzahl von Beispielen.

An dieser Stelle würde ich gerne meine eigenen Betrachtungen einbringen. Aus meiner unabhängigen, jungen und weiblichen Perspektive heraus gab ich zu bedenken, dass eine gewisse, in unterschiedlichem Ausmaß vorhandene Intoleranz gemeinsames Merkmal aller organisierten Religionen zu sein scheint.

Je nach der jeweiligen Auslegung der Bibel (und besonders des Alten Testaments) findet sich dort nur sehr wenig Erfreuliches zum Thema Menschenrechte, insbesondere was die Rechte der Frauen betrifft. Und in der alltäglichen Praxis scheint mir diese fehlende Toleranz den Anstrich von Heuchelei anzunehmen. So würde ich beispielsweise die Richtigkeit katholischer „Dogmen“ wie das Verbot der Empfängnisverhütung in Frage stellen wollen, das zwar von armen, ungebildeten Gemeinschaften in Afrika und Lateinamerika strikt befolgt, von „Gläubigen“ in Rom und Mailand jedoch munter ignoriert wird.

Ich bin der festen Überzeugung, dass uns die moralische Autorität und die Glaubwürdigkeit fehlt, dem Extremismus und Fanatismus der moslemischen Welt den Kampf anzusagen, wenn wir es nicht schaffen, uns mit der fehlenden Toleranz innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft auseinander zu setzen. Diese wird sowohl in der direkten Verfolgung von Minderheiten wie den Mitgliedern der Episkopalkirche in Griechenland und Russland sichtbar als auch im Irrweg des christlichen Fanatismus, wie wir ihn in Amerika bei Brandanschlägen auf Abtreibungskliniken und bei Streikposten vor Schulen beobachten können, die es wagen, den Ursprung des Menschen mit Darwins Evolutionstheorie zu erklären.

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.







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